Montag, 15.01.2018, 19:30 Uhr
Das Hohe Lied der Liebe

Christliche Mystiker heute gelesen – 3. Abend / Aus der Sicht der Kulturwissenschaft

Wir haben es mit dem am weitest verbreiteten Liebeslied der Welt zu tun, es findet sich in der jüdischen und in der christlichen Bibel und wurde in ca. 220 Sprachen übersetzt. Es handelt sich um eine Sammlung von orientalischen Liebesliedern, die am Tempel zu Jerusalem um 250 v. Chr. abgeschlossen und in hebräischer Sprache aufgeschrieben wurde. Der hebr. Titel lautet: Sir hassirim; der griech Titel: Asma asmaton; der latein. Titel: Canticum canticorum; M. Luther hat in seiner Übersetzung den Titel „Hohes Lied der Liebe“ eingeführt. Um 150 v. Chr. wurde das Lied mit der Septuaginta in die griechische Weltsprache übersetzt. Die jüdische Kultur hat diese Lieder auf den frühen König Salomon bezogen, der in seinem Harem ein Meister der Liebeskunst gewesen ist. Diese erotischen Lieder prägen das Liebesleben des jüdischen Volkes bis heute. Im Christentum sind sie leider fast nicht zum Tragen gekommen.
Kulturgeschichtlich handelt es sich um eine Sammlung altorientalischer Liebeslieder aus den oberen, den mittleren und den unteren sozialen Schichten. Es finden sich erotische Lieder der frühen Ackerbauern und der Hirten, dabei ist die Liebe der Geschlechter noch an keine patriarchale Ehe gebunden. Denn in der Frühzeit der Kultur konnten nur Menschen mit Besitz eine Ehe als Bündnis zwischen den Sippen eingehen. Es finden sich Lieder mit ägyptischem Hintergrund (Pharaos Hochzeit), babylonische und kanaanäische Lieder, die zum Ritual der Heiligen Hochzeit nach der Aussaat gesungen wurden; Liebeslieder aus fremden Kulturen mit persischen und griechischem Hintergrund (Fremdwörter). Diese Lieder wurden in der jüdischen Kultur gesungen und getanzt; sie wurden auswendig gelernt, bis sie aufgeschrieben wurden. Sie wurden und werden heute noch bei zwei jüdischen Kultfesten gelesen und vorgetragen, beim Pessachfest und beim Mazzotfest. Die erotische Liebe der Geschlechter wird als das höchste Geschenk des Bundesgottes an die Menschen gesehen. Später wurden diese Liebeslieder auch symbolisch gedeutet, nämlich als Liebe Gottes zu den Menschen und umgekehrt. Großartig sind die Beschreibungen der Schönheit des weiblichen und des männlichen Körpers; wir haben es mit einem Meisterwerk der erotischen Kultur aus dem Vorderen Orient zu tun. Vor allem die christlichen und jüdischen Mystiker haben auf diese Liedersammlung ständig Bezug genommen. Heute müssen diese Lieder wieder aus der religiösen Konnotation befreit werden.

Referent

A.o. Univ.-Prof. Dr. Anton Grabner-Haider, Institut für Philosophie der KFU Graz, zahlreiche Veröffentlichungen, u.a.: Kulturgeschichte des frühen Christentums: Von 100 bis 500 n.Chr (mit Johann Maier, 2008); Hitlers mythische Religion: Theologische Denklinien und NS-Ideologie (2007).

Teilnahmebeitrag: € 7,00


Glauben &
Denken
Lebensbegleitung &
Spiritualität
Vortrag und Gespräch / Kursnummer: 18-41