Zwischen Schmähgesängen und sozialer Wärme: Sport-Talk mit Gilbert Prilasnig & Walter Iber
Heiter, anekdotisch-frech, aber auch informativ, nachdenklich und menschlich: So verlief der Sport-Talk am 28. April im KULTUM-Cubus im Minoritenzentrum mit der vielseitig engagierten Sturm-Graz-Legende und Fußballtrainer Gilbert Prilasnig und dem pointiert argumentierenden Wirtschafts- und Sporthistoriker Walter Iber.
Gilbert Prilasnig darf "nach Hause fahren"
Neben den Gefühlen, die er durchlebte, als er einst in der Champions League das Tor traf, sprach Prilasnig, seines Zeichens heute Fußballtrainer, Uni-Vortragender sowie musisch begabter „Linguist, der mit dem Ball per Du bleibt“ (Kleine Zeitung), über persönliche Erlebnisse und spannende Erkenntnisse im Mannschaftssport Fußball. Moderator Florian Traussnig und dem engagierten Publikum gab er auch lebensnah Einblick in sein ebenso beeindruckendes wie unprätentiös und konsequent gelebtes soziales Engagement, zum Beispiel als langjähriger Coach der Nationalauswahl des Homeless Soccer World Cup. Ein Gastspiel seiner „Homeless“-Truppe gegen eine Fußballauswahl, bestehend aus Insassen einer Haftanstalt für Jugendliche, blieb Prilasnig als besonders schillernde Anekdote in Erinnerung: Auf einem „sehr schönen Fußballplatz vor vielen Zuschauern und toller Stimmung“ erlebte der gebürtige Kärntner nicht nur wie sein Team gegen die Häftlingsmannschaft haushoch verlor, sondern wie am Ende des Spiels die ebenfalls alle im Gefängnis sitzenden Zuseher:innen skandierten: „Ihr könnt nach Hause fahren!“ – worauf, so Prilasnig, ein Ur-Wiener in seiner Homeless-Auswahl trocken geanwortet habe: „Jo eh. Wir scho!“
Walter Ibers faszinierender Blick auf die Grazer Sportgeschichte
Sporthistoriker Iber, der ebenfalls auf eine aktive Fußballerlaufbahn zurückblicken kann, berichtete sehr anekdotenreich aus seiner aktiven Zeit als Amateurkicker im steirischen „Unterhaus“: Etwa über einen nicht ganz nüchternen Schiedsrichter, der bei einem seiner Spiele zur Halbzeit plötzlich in Zivil aus der Umkleidekabine gekommen ist – er habe geglaubt, „das Spiel sei bereits aus“, so Iber schmunzelnd. Differenziert und kenntnisreich ging der Wissenschaftler in Folge auf weniger bekannte und sozioökonomische Facetten des Sports ein – so erklärte er dem staunenden Publikum, dass Österreich die erste kontinentaleuropäische Fußballprofiliga im frühen 20. Jahrhundert vorzuweisen hatte, dass migrantische Milieus wie die „Ziegelböhmen“ mitunter ein wunderbarer Talentpool für unseren Fußball waren oder dass die Sportstadt Graz mit Turner Vinzenz Höck 2020 Vizeweltmeister an den Ringen und 2021 Gesamtweltcupsieger 2021 stellte! In der Diskussion mit Gilbert Prilasnig arbeitete Iber auch kritische bzw. ambivalente Aspekte wie (ein Zuviel an) Emotion, ausgrenzende Sprache oder den Stadionbesuch als Frust-Ventil heraus.
Eine zünftige Nachspielzeit mit Brezen, Bier und Wein beschloss einen ironischen, milieuverbindenden und klugen, gemeinsam mit dem Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung veranstalteten Abend.